Konzentration, Meditation, Kontemplation

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Jeder mystische Pfad, egal ob auf einem indischen, christlichen, buddhistischen oder Sufi-Weg, zielt darauf ab, über das gewöhnliche menschliche Bewusstsein hinauszugehen, um mit einer höheren Wirklichkeit in Berührung zu kommen. Verschmelzt man nach langer Zeit spiritueller Praxis schlussendlich mit dieser, dann hat man das Ziel des Pfades erreicht und dieses Ziel ist letztlich auf all den spirituellen Wegen ein und dasselbe Ziel, auch wenn ihm jeweils verschiedene Namen gegeben wird. Sagen wir, das Ziel ist der unendliche Ozean, dann werden einige sagen, das ist Wasser, andere nennen es „water“, „pal“ oder „aqua“…, aber es handelt sich immer um die gleiche höchste Wirklichkeit.

Die Wege zu diesem Ziel sind unterschiedlich, aber wie heißt es so schön: alle Wege führen nach Rom. Es ist mir ein anliegen, hier ausdrücklich festzuhalten, dass es meiner Meinung nach keineswegs klug ist, sich selbst einen spirituellen Weg zusammenzustellen, der Elemente von den verschiedensten Wegen enthält, gleichsam wie man in einem Supermarkt jene Dinge zusammenkauft, die einem gerade am meisten zusagen. (Fast) jeder Fluss endet im Meer, das stimmt, aber der Fluss ist ein in sich geschlossenes System. Der Umstand, dass die verschiedenen Wege zum gleichen Ziel führen, bedeutet also nicht, dass man deshalb mit einem Fuß in einem Boot stehen kann und mit dem anderen in einem anderen. Nur zu schnell landet man dann im Wasser bzw. sitzt man dann sprichwörtlich zwischen zwei Stühlen.

Dessen ungeachtet glaube ich, dass es so etwas wie spirituelle Grundpfeiler gibt, die wir auf jedem Weg in der einen oder anderen Form antreffen werden. Und das sind für mich in erster Linie das Gebet, die Anrufung, die Konzentration, die Meditation und die Kontemplation (über das Gebet und die Anrufung (Japa bzw. Mantrenwiederhonung) werde ich einen eigenen Essay schreiben).

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Konzentration ist die erste Sprosse der Leiter in ein Bewusstsein jenseits unseres Verstandes, jenseits unserer Gedanken und sie ebnet den Weg zur Meditation. Wenn wir uns konzentrieren, bündeln wir unsere Aufmerksamkeit auf einen Punkt. Es ist ratsam, sich auf einen möglichst kleinen Gegenstand zu konzentrieren, klassischer Weise auf einen kleinen schwarzen Punkt, den man auf eine weiße Wand malt, obwohl ich sagen muss, dass mir diese Übung immer schon zu trocken war – aber sie wirkt! Es ist uns anfangs schlicht völlig unmöglich, unseren Verstand, der wie ein Fließband Gedanken produziert, unter absoluter Kontrolle zu halten; das heißt einfach an gar nichts zu denken. Daher versuchen wir also, unsere Aufmerksamkeit auf eine einzige Sache zu reduzieren. Alles andere muss während der Übung – so gut es geht – aus unserem Bewusstsein verbannt werden. Man kann sich natürlich auch auf eine Blume konzentrieren, auf das Rauschen des Meeres oder eines Baches usw.. Natürlich werden immer noch uneingeladene Gedanken auftauchen, aber wir lassen uns dadurch nicht irritieren, bleiben völlig gelassen und kehren immer wieder zu unserem Konzentrationsobjekt zurück. Wir betrachten Gedanken wie vorbeischwimmende Fische, die keine Spur im Wasser hinterlassen. Langsam werden wir mehr und mehr Kraft in unserer Konzentration und damit auch Intensität in der Übung gewinnen. Bei der Konzentration verhält es sich ähnlich wie wenn man einen Sonnenstrahl durch eine Lupe fallen lässt, er wird konzentriert und so intensiv, dass man damit sogar ein Papier anzünden kann, wenn es im Brennpunkt darunter liegt. Wird zum Beispiel die Konzentration auf eine Blume auf einer hohen inneren Ebene durchgeführt, dann verschwindet im Idealfall alles andere aus unserem Verstand, es existiert nur mehr die Blume und plötzlich werden wir selbst zur Blume, zur Schönheit, zum Duft…

Wer die Kunst der Konzentration zur Perfektion bringt, wird jedenfalls erfolgreich sein, egal auf welchem Gebiet er sich versucht, denn die Kunst der Konzentration ist generell das große Geheimnis des Erfolgs, und das nicht nur im spirituellen Leben! Es zahlt sich also hundertfach aus, in dieser Disziplin Fortschritt zu machen.

Hat man die ersten Konzentrationsübungen halbwegs gemeistert, ist es bildlich gesprochen so, als hätte man die Hindernisse auf der Rennbahn , etwa verstreute Äste, aus dem Weg geräumt. Dann kann man zu sprinten beginnen, dann beginnt man mit der Meditation. Und bei der Meditation geht man interessanter Weise um geradezu 180° in eine andere Richtung als bei der Konzentration. Hier fokussiert man seine Aufmerksamkeit nicht mehr auf ein kleines Objekt, sondern schaut man, genauer gesagt meditiert man auf etwas möglichst Weites, man versucht sich auszudehnen, immer mehr und mehr innerlich auszudehnen und in das Unendliche, in das Grenzenlose einzutauchen. Ich liebe zum Beispiel die Meditation auf das Meer, insbesondere wenn sich die Morgensonne erhebt oder die friedliche Abendsonne am Horizont blutrot untertaucht. Es hilft aber genauso, auf mächtige Berge, auf den Himmel, auf einen großen Fluss oder sonst etwas Weites zu meditieren. Als Großstadtmensch steht mir der Strand des Ozeans nicht zur Verfügung, so verwende ich das kosmische Bewusstsein, das ein Meister in Gottestrance verkörpert, denn in diesem manifestiert sich auch etwas Grenzenloses. Da ich einen lebenden Meister in meiner Wohnung nicht immer dann zur Verfügung habe, wenn ich meditieren möchte, meditiere ich einfach auf ein Bild eines Meisters, dass in tiefster Meditationstrance aufgenommen wurde. Für mich ist das Bild nicht ein totes Objekt, das aus tausenden Pixel usw. aufgebaut ist, sondern vielmehr ein Objekt, das Bewusstsein ausstrahlt, das eine Seele hat, mit der ich kommunizieren kann und das mich in meiner tiefen Meditation die Gegenwart einer höheren Kraft spüren lassen kann. Eine manchmal richtig aufregende Angelegenheit!

Während wir in der Konzentration also versuchten, unseren Verstand auf einen kleinen Punkt zu fokussieren, versuchen wir nun in der Meditation, uns selbst in unserem Herzen so weit wie möglich auszudehnen. Und das Meditationsobjekt soll uns letztlich nur an den unendlichen Ozean an Bewusstsein in unserem Herzen erinnern, den es in der Meditation zu entdecken gilt. Natürlich spreche ich hier nicht vom physischen Herzen, dem Muskel, sondern vom spirituellen Herzen, das dort verborgen ist, wo wir mit unserer Faust hinzeigen, wenn wir "ich" sagen. Es ist in der Mitte unserer Brust, da, wo bei manchen Altargemälden von Jesus bzw. der Muttergottes ein Herz mit goldenen Strahlen gemalt wurde. Ja, die äußeren Altare in den Kirchen, Tempeln und Synagogen dienen in Wahrheit nur dazu, uns unseren inneren Schrein in Erinnerung zu rufen. Und welche Gottheit residiert in unserem inneren Altar? Egal ob Christ oder Hindu, Muslim oder Jude – es ist immer die Seele, der unendliche, unsterbliche und ewige Teil im Menschen – das reine Bewusstsein.

Während die Konzentration gewissermaßen eine von uns aktiv durchgeführte Tätigkeit ist, in der der Verstand vielleicht auch eine gewisse Rolle spielt, werden wir in der Meditation mehr zum Beobachter, zu jemandem, mit dem etwas passiert. Wenn wir „meditieren“, nehmen wir eigentlich nur innerlich die richtige Haltung ein, die Haltung eines Zeugen. Korrekter wäre es daher wohl zu sagen, „wir werden meditiert“. Wir öffnen uns innerlich und dann fließt eine Kraft von oben oder von innen durch uns, die uns mit Frieden, Freude, Liebe usw. (er)füllt. Zuerst macht man sich also leer, man versucht all die unproduktiven, kreisenden und manchmal destruktiven Gedanken zu verbannen, sowie man ein Gefäß, das mit schmutzigem Wasser gefüllt ist, ausleert. Dann, wenn das Gefäß leer ist, kann etwas Neues in das Gefäß fließen lassen. Aber dieser Prozess des Füllens geschieht ohne unsere aktive Mitwirkung. Wir müssen nur zuerst das Gefäß aktiv entleeren. Der Rest „passiert“, wenn wir uns schrittweise mehr und mehr innerlich öffnen können. Die Kraft, die da am Werke ist, wird Gnade genannt.

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Meditation kann man erleben, aber nicht wirklich beschreiben. Es ist, wie wenn wir uns ganz still machen, damit wir hören können, was uns Gott bzw. unsere Seele immer schon zuflüstern. Lernen wir diesen Anweisungen folgen, wird in unserem Leben ein neues Kapitel aufgeschlagen werden: Wir werden dann beginnen, ein Leben zu führen, in dem wir nie mehr etwas bereuen müssen, in dem uns alles mit Freude erfüllt. Ja, alles, nicht nur der Erfolg, sondern auch der Misserfolg! Denn dann werden wir sehen, dass wir nur mehr als Instrumente einer höheren Kraft funktionieren. Wir lernen zunehmend im Einklang mit dem kosmischen Willen zu leben. Dieser Zustand – so heißt es – wird in unserem ganzen Wesen unbeschreibliche Glückseligkeit auslösen. Allerdings soll nicht verheimlicht werden, dass es sich dabei um einen langsamen Prozess handelt, so etwas passiert nicht über Nacht. Aber jeder kleine Schritt, den wir nach vorne machen, jeder Fortschritt im spirituellen Leben, schenkt uns schon eine Menge Freude. Und in diesem Sinne ist es auch völlig korrekt, zu sagen „der Weg ist das Ziel“, auch wenn es letztlich nicht ganz stimmt.

Zurück zur Meditation: Ich möchte auch erwähnen, dass letztlich jeder Mensch ganz individuell meditiert, und zwar entsprechend seiner Anlagen und inneren Notwendigkeiten. Meditation wird auch die Sprache Gottes genannt. Ich glaube, jeder wird verstehen, dass man die nicht einfach mental erklären kann, insbesondere als diese Sprache, also als die Meditation ja dort beginnt, wo der Verstand und damit die herkömmliche Sprache aufhören.

Es ist Dynamik in der Meditation, gleichzeitig sind wir völlig still – aber niemals schlafen wir, zumindest nicht absichtlich. Das scheint paradox, aber so verhält es sich. Man könnte es mit dem Segeln vergleichen: Wir bewegen uns gar nicht auf dem Schiff und dennoch gleiten wir schnell über die Wasseroberfläche. In den Upanishaden, den Jahrtausende alten Weisheitsschriften Indien, heißt es: „Es bewegt sich und es bewegt sich nicht.“ Bei der Meditation kommt ein zusätzliches Element ins Spiel: Im Vergleich des Segelbootes ist es der Wind; beim Meditieren nennen es die spirituellen Menschen die „Gnade“, eine höhere Kraft, die wir erfahren und in die wir zunehmend wachsen; die aus unserer Quelle stammt.

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Über die Kontemplation möchte ich hier nur der Vollständigkeit halber ein paar Worte sagen, aber ich persönlich habe leider noch keinen Zutritt zu dieser Disziplin. Meditation ebnet den Weg zur Kontemplation. Es heißt, in der Kontemplation wird das Subjekt und das Objekt eins. Hier wird der Liebende, der Geliebte und die Liebe eins. Es ist jene Methode oder vielleicht treffender gesagt Erkenntnisform, die irgendwann im spirituellen Leben in uns erwacht und uns eins mit der Wahrheit, mit der Seele, mit dem Kosmos und mit Gott werden lässt. Hier werden wir weit über das Bewusstsein dieser Welt hinaustreten und dann können wir im Augenzwinkern tausende Dinge mit dem Schöpfer besprechen. Sollte mir in dieser Inkarnation die Gnade zuteil werden, in diese Erfahrung eintreten zu können, werde ich hierher zurückkehren und euch davon berichten. Aber ich fürchte, es wird auch für den Wissenden keine Worte geben, die dieser Erfahrung gerecht werden.

Manchmal gebe ich an und erzähle meinen Freunden, dass ich vielleicht einmal einen flüchtigen Eindruck von der Kontemplation erhielt, aber wahrscheinlich würden mich die spirituellen Meister nur auslachen, wenn sie das hören würden. Es war in den 90er Jahren und ich war gerade in den Vereinigten Staaten und saß mit geschlossenen Augen und - wie seit Jänner 1989 - immer - in völlig nüchternem Zustand in einem Orgelkonzert. An der Orgel saß ein spiritueller Meister, der völlig in Trance versunken war und frei improvisierte. Plötzlich wurde die interessante Musik übersinnlich intensiv, einfach unerträglich fantastisch, sie erhielt eine weitere, mir völlig unbekannte Dimension, aber das lässt sich mit Worten nicht schildern. Ich erlebte sie optisch in dreidimensionalen Mustern, irgendwie physisch und auf Ebenen, die man vielleicht sonst nur auf LSD erfahren kann. Ich wurde zur Musik und da die Musik absolut vollkommen erschien, wurde ich selbst vollkommen – es gab nichts mehr in dieser Welt zu erreichen. Tatsächlich bekam ich während dieser eindrücklichen, ja höchst aufregenden Erfahrung immer mehr das Gefühl, Teil dieser musikalischen Bewegungen zu sein, die sich in meinem Bewusstsein auch in himmlischen optischen Visionen manifestierten. Obwohl das so aufregend schön war, blieb ich ungeheuer friedlich in meinem Wesen. Ein Meer des Friedens. Die Form (optischen Visionen) und der Klang waren ein und dasselbe, auch wenn das jetzt im Nachhinein betrachtet völlig unlogisch klingen mag, sie vereinten sich zu einer visionären Erfahrung, die alle Dimensionen sprengte, die ich bis dahin kannte und die sogar meine Versuche in der Studentenzeit, ein höheres bzw. ausgedehnteres Bewussein auf unlautere Weise zu erlangen, blass aussehen ließ. Diese ekstatische Erfahrung war wirklich von einem Gefühl begleitet, dass es in der ganzen Welt nichts mehr zu erreichen gibt, dass alles, absolut alles in der Welt vollkommen ist! Mir hat es damals vor Glückseligkeit geradezu den Magen herausgehebelt. Ich habe keine Ahnung, in was für einen Kanal der Erfahrung mich dieser Yogi da fließen lassen hat, aber ich hatte wirklich das Gefühl, selbst zur vieldimensionalen Musik zu werden. Nie zuvor und offen gestanden leider auch nie mehr danach hatte ich eine solch überirdisch schöne, plastische Musikerfahrung, auch wenn es vielleicht keine kontemplative Erfahrung war.

Eines steht für mich jedenfalls fest, ist die Meditation schon etwas so Lohnendes, Schönes und Befreiendes – wie schön muss dann erst die Kontemplation sein! Ich arbeite daher hart daran, mich dieser zu nähern, auch wenn ich mir natürlich dessen bewusst bin, dass sie letzten Endes erst kommt, wenn die Gnade sie mir schenkt.

Aber wie heißt es so schön: „Wo keine Bemühung, da keine Gnade…“

Arthada, Wien,13. Dez. 2015