Herz versus Verstand - das Kind in uns entdecken

Meditation ist der Pfad zur Selbsterforschung, der Weg zur „Selbst“-Erkenntnis. Unsere Seele ist unser wahres Selbst, unser unsterblicher, ewiger und unendlicher Wesenskern, der unberührt von Erfolg und Misserfolg, von Freude und Leid, in ständiger Glückseligkeit und vollkommener Gelassenheit hinter unserem oberflächlichen Wesen existiert und dieses am Leben erhält. Sie bleibt so unberührt vom Auf- und Ab des Lebens, als ob sie am Grunde des Ozeans lebte: Der Friede, die Stille dort ist unerschütterlich, egal, was für Stürme und welch hoher Wellengang an der Oberfläche, also im äußeren Leben wüten mögen.

Die Seele ist am leichtesten im spirituellen Herzen zu entdecken. Wenn wir Hunger haben müssen wir in die Küche gehen, denn dort werden wir den Kühlschrank finden. Wenn wir in unsere Seele tauchen wollen und uns an ihren zahllosen göttlichen Eigenschaften laben wollen, dann ist das spirituelle Herz der beste Ort. Das spirituelle Herz hat selbstverständlich nichts mit dem Herzmuskel und dessen vier Kammern zu tun, welcher etwas auf der linken Seite im Brustkorb situiert ist und als Blutpumpe fungiert. Es ist vielmehr dort, wo die Künstler das „Herz-Jesu“ in der Regel mit goldenen Strahlen versehen auf Christusabbildungen malen und solche Bilder findet man in fast jeder Kirche: Es liegt in der Mitte der Brust verborgen, also dort, wo wir intuitiv mit der Faust hin fahren, wenn wir sagen „ich“. Es wäre auch nicht falsch zu sagen, dass sich das spirituelle Herz im dritten Auge, da, wo die indischen Frauen einen Punkt auf die Stirn malen, befindet, denn es kann ja überall angetroffen werden, da es grenzenlos ist. Aber die Jahrtausende alte Erfahrung zeigte, dass man im Herz-Chakra das beste und direkteste Tor zur Seele findet.

Egal auf welchem spirituellen Weg man meditiert bzw. welcher Methode man folgt, ja selbst beim schwierigen Jnana-Yoga, dem Yoga, der im Verstand beginnt, zielt man letztlich darauf ab, den Verstand still zu machen und über den Verstand hinauszugehen. Selbst beim Yoga des Wissens endet man irgendwann im Herzen, wo dann erst die vollkommene Erkenntnis erwachen kann.

Natürlich ist der Verstand ist nicht schlecht, im Gegenteil! Wir brauchen ihn, um zu analysieren, um zu addieren und dividieren und so weiter. Leider hat er nur unglücklicherweise die Tendenz, sich selbstständig zu machen und viel zu viele Gedanken zu produzieren. Gedanken, die keinesfalls immer positiv, wohlwollend, und konstruktiv sind. Ich würde sogar schätzen, dass über 90 Prozent der Gedanken mehr als entbehrlich wären um nicht zu sagen destruktiv. Wie glücklich, wie frei und wie energiegeladen wären wir, wenn wir ohne diesem Ballast leben könnten! Tatsächlich rührt fast alles Leid des Menschen letztlich von dessen Verstand her. Der Verstand ist die Quelle aller Wünsche und damit der Ursprung aller Erwartungen. Die Wünsche können niemals alle erfüllt werden, daher liegt in jedem Wunsch schon der Samen der Enttäuschung. Und selbst wenn ein Wunsch erfüllt wird, kann uns das nicht wirklich bleibend glücklich machen, denn Wünsche sind wie Unkraut, heute sehen wir ein Büschel, morgen finden wir schon vier…

Erwartungen bergen ebenfalls in sich schon den Keim der Enttäuschung. Grundsätzlich zeigt uns die Erfahrung des Lebens, dass uns die Erfüllung der Wünsche keine bleibende Freude schenkt. Die Freude, die wir von der vergänglichen Welt erfahren, hat nie nun einmal keinen Bestand. Und noch etwas: Interessanterweise müssen wir entdecken, dass wir nicht nur jene sind, die besitzen, sondern auch jene, die besessen werden, und zwar von unseren eigenen Besitztümern. Wie ist das zu verstehen? Ein Beispiel: Wir glauben, wir werden für immer frei und glücklich sein, wenn wir uns ein eigenes Haus kaufen. Sobald wir eines haben, fängt es erst richtig an: Der Garten verlangt ständig, fast täglich unsere Aufmerksamkeit und abverlangt uns Zeit und Arbeit. Dann denken wir uns, fehlt jetzt nur noch eine Garage, aber zur Errichtung einer solchen haben wir nicht mehr genug Geld. Daher nehmen wir einen Kredit auf, die Schulden belasten uns, die Planung und Errichtung der Garage kostet viel Zeit und Nerven. Plötzlich wird das Dach kaputt und wir sind entsetzt, was die Reparatur des Daches kostet usw… Auch das „Besitzen“ in Beziehungen geht übrigens mit besessen werden einher und zieht in den meisten Fällen früher oder später Leiden nach sich. Darüber könnte man einen eigenen Aufsatz schreiben.

Das Herz zeichnet sich dadurch aus, dass es sich – im Gegensatz zum Verstand – verschenken kann, dass es liebt und gibt, aber nicht Opfer des „Geben/Nehmen-Business“ wird. Das heißt, es bleibt ohne Anhaftung, ohne Bindung. Könnte man all unsere subtilen Bindungen bzw. Anhaftungen optisch sehen, würden wir mit Schrecken feststellen, dass fast jeder Mensch hoffnungslos gefesselt ist. Anhaftung an Auto, an Name und Ruf, an Stellung und Macht, an verschiedenen Beziehung, an den Computer, den Fernseher, ja sogar Bindung an das Handy usw… All diese Dinge kommen in der Verkleidung von sehr charmanten Verführungen, aber letztlich machen sie uns nicht glücklich. Das bedeutet natürlich nicht, dass wir kein Haus besitzen dürfen, keinen Ehepartner, keine Kinder und keinen angesehenen Beruf. Ein lieber Freund von mir hat einmal einen Sucher in einem Meditationskurs köstlich getröstet, denn der Kursteilnehmer hat trotzig festgestellt: „Auf meinen Porsche werde ich aber wegen des spirituellen Lebens sicher nicht verzichten!“. Die Antwort meines Freundes: „Das verlangt ja auch niemand, nur die Anhaftung an den Wagen gilt es loszulassen.“

Frage: Warum sagen die heiligen Schriften, dass ein Weiser wie ein Kind ist? Antwort von Sri Ramana Maharshi: "Der Weise und das Kind haben etwas gemeinsam: Alle Ereignisse interessieren ein Kind nur so lange, wie sie andauern; es hört auf, über diese nachzudenken, wenn sie vorüber sind. Das heißt, offensichtlich hinterlassensie keinen bleibenden Eindruck im Kind und sein Verstand bleibt davon unberührt. Genauso verhält es sich beim Weisen."

Ohne Anhaftungen und Bindungen, das heißt also ohne Wünsche und Verlangen (nur mit innerer Strebsamkeit) zu leben, ist das große Geheimnis des Glücklichseins. Es klingt so einfach und ist absolut wahr, die Umsetzung dieser Erkenntnis in die Praxis ist allerdings eine Lebensaufgabe, denn es dauert seine Zeit, bis wir über unser Ego hinauswachsen.

Ist dir schon einmal aufgefallen, wie unglaublich viel Energie Kinder haben? Sie gehen nicht, sie laufen, sie schreiten nicht, sie springen, sie sprechen nicht, sondern schreien, singen… Kinder leben im Herzen und sind dadurch viel besser an die kosmische Energie, das universelle Pranam, wie die Inder sagen würden, angeschlossen. Auch ein 60-Jähriger kann sich dieser Energie bedienen. Das Alter ist nicht so sehr in den Zellen, es ist vor allem im Verstand!

Der Verstand ist die Quelle all unserer Zweifel, unseres Misstrauens und daher stellt er eine gewaltige Hürde im spirituellen Leben dar. Es ist nicht so, dass der Verstand einen Mensch nicht auch als guten, sympathischen Menschen einschätzen könnte. Aber seine Beurteilungen haben üblicherweise keinen Bestand. In einem Moment bin ich jemandem dankbar und halte ihn für einen guten Menschen, dann, eine Stunde später unterschiebt mein Verstand diesem Menschen unlautere Motive für sein >handeln. Zum Beispiel: „Er war viellei9cht nur so nett zu mir, weil er etwas von mir braucht…“ Im Verstand werden wir nie zu einer bleibende, und in den wenigsten Fällen zu einer wohlwollenden Einschätzung kommen; einfach weil er die Quelle des Zweifelns ist.

Das Herz hingegen erhält in seiner Entscheidung Unterstützung von der Seele, die mit dem Herzen am engsten verbunden ist. Ist einmal eine Entscheidung gefallen, zum Beispiel „er ist ein netter Mensch“, dann bleibt das Herz dabei. Die Entscheidungen vom Herzen machen uns immer glücklich, und zwar interessanter Weise unabhängig davon, ob wir dadurch in der äußeren Welt Erfolg oder Misserfolg haben. Denn wir folgen einfach dem inneren Fluss. Der inneren Stimme, jenem Weg, der uns vorbestimmt ist, zu folgen. Wir leben also hier entsprechend den Notwendigkeiten unseres inneren Wesens und nicht wie es im Fall des Verstands so oft geschieht, entsprechend der „Mode“, den Erwartungen anderer oder vielleicht entsprechend dem Zeitgeist… Wer sich vom Herzen leiten lässt, braucht nie mehr etwas zu bereuen und ist das nicht etwas ganz Fantastisches?! Nur so können wir wirkliche Freiheit erfahren. Wir lernen, ohne Maske zu leben, so wie wir einfach sind. Nicht von außen geleitet, sondern entsprechend unserer wahren, unserer inneren Notwendigkeiten. Das ist ein ganz natürlicher Weg zum Glücklichsein.

Während der Verstand der Wohnort des Zweifels ist, lebt der Glaube im Herzen. Es ist zwar wahr, dass wir im Yoga in erster Linie durch unsere eigene Erfahrung erfahren wollen und Fortschritt machen wollen. Dennoch werden wir nicht mit der nötigen inneren Strebsamkeit die spirituelle Disziplin üben, wenn wir nicht über Glauben an den Yoga verfügen. Das Herz schenkt uns Glauben. So wie ein Kind Glauben an seine Eltern hat, können wir, wenn wir im Herzen leben, voller Glauben und Zuversicht den inneren Weg gehen.

Irgendwann bin ich draufgekommen, dass der Verstand mit seinen Zweifeln auch der Sitz des Pessimismus ist. Yog9is sagen sogar, dass auch die Depressionen mit dem Verstand verquickt sind, und es sich dabei nicht lediglich um eine emotionelle Angelegenheit handelt. Im Herzen ist auf der anderen Seite der Optimismus daheim. Ist es verwunderlich, dass so viele Erwachsene eine pessimistische Ader zeigen, während Pessimismus bei Kindern fast unbekannt ist?!

Im Herzen taucht man in den sogenannten „Flow“ ein, einen Zustand der Gedankenlosigkeit. Ein Zen Bogenschütze etwa zielt auf sein Ziel und versucht gleichzeitig im Jetzt zu verharren, in der absoluten Stille. Wenn der Flow-Effekt kommt, löst sich der Pfeil wie von selbst und trifft. Wenn ich zum Beispiel beim Tischtennisspielen besondere Schläge vorhabe, landet der Ball gerne im Netz. Aber manchmal spiele ich in einem Fluss, ohne zu überlegen, man könnte fast sagen "es spielt" und dann gelingen mir mitunter Schläge, die ich absichtlich nicht herbeiführen könnte.

Ja, er ist sogar die eigentliche Quelle unseres Leidens! Wie ist das möglich? Die Quelle unseres Leidens ist in Wahrheit natürlich – das wissen wir schon seit Buddha – unser Ego. Nun, wo finden wir aber unser Ego? Es ist lebt nicht in unseren Zehen, nicht in unserer Nase oder in unserem Ellbogen. Das ich (klein geschrieben!), von dem wir glauben, dass wir es sind, ist in Wahrheit unser Ego und existiert nur in unserem Verstand. Wenn der Verstand aufhört zu existieren, etwa im Tiefschlafstadium, dann hört auch unser Ego auf zu existieren. Das heißt, es hat keine bleibende Wirklichkeit, strenggenommen ist es nur eine zeitlich begrenzte Illusion des Verstandes, die für all unsere Leiden verantwortlich ist. Der Weg des Buddha führte über das Leiden hinaus, und alle anderen spirituellen Pfade verfolgen letztlich das gleiche Ziel. Daher ist die Auflösung des Egos ein unverzichtbarer Bestandteil eines jeden Weges, egal, ob man es wie im Jnana-Yoga dadurch erreichen will, dass man über den Verstand hinausgeht, oder wie im Bhakta Yoga, indem man in Liebe, Hingabe und Überantwortung an die auserwählte Gottheit sein Ego im Göttlichen auflöst, oder sich wie im Karma Yoga völlig dem Dienst für Gott weiht, bis auch der letzte Ego-Gedanke transzendiert wird…

Das Ziel des Yogas ist Einssein (Yoga bedeutet „unter einem Yoch“ bzw. „union“ (Englisch), also Vereinigung). Das Ziel des Verstandes ist Analyse, Vergleich, also die getrennte Wahrnehmung der Welt. Und in der Folge auch der Wunsch, im Vergleich als der bessere Teil abzuschneiden. Was wir täglich im zwischenmenschlichen Bereich wie auch im globalen Bereich, also etwa in den Beziehungen zwischen Ländern – beobachten können, ist das ständige Bestreben, besser dazustehen, als andere, mächtiger zu sein als andere, den Ton angeben zu können. Die Quelle für all diese Bestrebungen, die für das meiste Unglück, für so viel Disharmonie in der Welt, ja für die Kriege verantwortlich ist, finden wir im Verstand. Die Eifersucht, jene unbarmherzige Geisel der Welt, die so viel unter den Menschen zerstört, entsteht in diesem Spannungsfeld. Natürlich der Geiz und Neid, der Mangel an kindlichem Glauben, welcher die Welt um so viel lebenswerter machen könnte, die meisten Streitereien – ja viele, viele negative Dinge, die unsere zwischenmenschlichen Beziehungen vergiften, wurzeln im Verstand, genauer gesagt in der Funktionsweise des Verstandes. Er lässt in uns immer das Begehren aufkeimen, besser als andere zu sein, andere zu dominieren usw. Es ist schrecklich, aber der Verstand versucht sehr häufig, in den anderen Menschen einfach das negative zu sehen. Es ist für den Verstand ausgesprochen untypisch, dass er sich freut, wenn jemand anderer auf einem bestimmten Gebiet glänzt oder sehr erfolgreich ist. Aber wenn man im Herzen lebt, wird man sich wie ein Kind verhalten. Ein Kind freut sich aus ganzem Herzen, wenn seinem Vater etwas gelingt und umgekehrt freut sich der Vater (der das Kind üblicherweise mit den Augen des Herzens betrachtet) aufrichtig, wenn diesem etwas Bestimmtes gelingt. Der Verstand ist nur in einem kleinen Maße an Liebe fähig, aber auch die gibt er nur, wenn er einen Schritt voraus gehen kann, er will nun einmal nur zu gerne die Nummer eins, der Chef sein.

Dabei ist der Verstand per se in keiner Weise schlecht, sondern vielmehr ein unverzichtbarer Bestandteil unseres Wesens. Das Problem liegt lediglich bzw. vielmehr darin, dass er nicht als unser Instrument fungiert, sondern dass wir ihn im Irrglauben, dass er unser höchster Wesensanteil ist, in die Position des Herrschers erhoben haben! Dafür ist er weder prädestiniert noch geeignet.

Man kann also durchaus sagen, dass wir unter einem falschen Programm „laufen“.

Der unreflektierte Mensch empfindet immer das gleiche „ich“, wenn er etwas fühlt, denkt oder empfindet. Der Yogi ist sich hingegen recht genau bewusst, aus welcher Wesensebene Impulse kommen, etwa vom trägen Körperbewusstsein, dem aggressiven oder dynamischen emotionellen Wesen (auch Vitales genannt), vom analysierenden oder zweifelnden Verstand oder vom unsicheren oder liebenden Herzen…

Ziel des Yoga ist die Vereinigung mit dem Göttlichen bzw. – was das gleiche ist – die Selbsterkenntnis, die Erkenntnis unseres wahren Selbst, unserer Seele. Und wenn diese Erleuchtung stattfindet, wenn die im dunkeln versteckte Seele plötzlich im Scheinwerferlicht unserer Erleuchtung erkannt wird, werden wir zur bewussten Seele und von da an handeln wir im Einklang mit dem Göttlichen, was bedeutet, dass alles leid überwunden ist oder schöner gesagt, wir im Nirwana unendlicher Glückseligkeit und Erkenntnis aufgehen.

Der Verstand liebt es, kompliziert zu denken. Kompliziertheit bringt uns weder nahe zum Ziel noch macht sie uns glücklich. Sie verwirrt uns vielmehr. Das Kind ist hingegen einfach, weil es im Herzen lebt. Und Gott, so sagen die Erleuchteten ist auch einfach. Ein weiterer Grund, im Herzen zu meditieren. Jesus war im Übrigen auch kein komplizierter Mensch. Er war kein großer Gelehrter, sondern ein einfacher Tischler. Und seine Jünger, die bis auf den heutigen Tag der ganzen Menschheit bekannt geblieben sind, waren auch vielfach einfache Menschen; Fischer usw.. Oder schauen wir uns Sri Ramakrishna an: Er wird heute in ganz Indien und auch von Menschen in der ganzen Welt als einer der größten Weisheitslehrer und Erleuchteten der Menschheitsgeschichte verehrt. Sri Ramakrishna war ganz einfach, praktisch ohne Schulbildung; er konnte mit Mühe seinen Namen schreiben. Gleichzeitig war er voller Licht und innerer Erkenntnis und die größten zeitgenössischen Gelehrten lagen ihm zu Füßen.

Die Seele kann nicht mit dem Verstand erkannt werden, das wäre als wollte man mit dem Licht einer Kerze die Sonne ausleuchten. Dafür muss man vielmehr, wie oben schon erwähnt, über den Verstand hinausgehen. Daher zielen auch alle Wege darauf ab, den Verstand still zu machen. Nachdem die Seele im Herzen am leichtesten gefunden werden kann, bietet, sich das spirituelle Herz auch als „Meditationsort“ an. Im Herzen finden wir Liebe. Es heißt, „ich liebe dich aus ganzem Herzen“ (und nicht aus ganzem Verstand!). Das bedeutet, dass wir bei der Meditation auf unser Herz glücklich sein werden. Wir spüren Liebe, liebe für uns und Liebe für die Welt. Wenn wir sonst nichts von der Meditation erhalten, haben wir schon mehr als genug erhalten! Was braucht der Mensch am wichtigsten? Ich glaube es ist die Liebe. Wie oft bin ich nach Meditationen auf mein Herz aufgestanden und habe vor Liebe nur so gebrannt. Zum einen ist da die Liebe für sich selbst, die nichts mit Narzissmus zu tun hat, sondern Grundbedingung dafür ist, dass man auch der Welt Liebe schenken kann. Wer nichts hat, kann auch nichts geben. Und dann ist diese Liebe, die man im Herzen erhält, auch ganz anders als die gewöhnliche Liebe. Die gewöhnliche Liebe ist in der Regel objektbezogen. Ich liebe meine Kinder, meine Familie, meinen Partner. Zudem regiert in ihr ein sehr subtiles, ja völlig unbewusstes „Geben und Nehmen“. Aber in der Liebe, die man nach einer tiefen Herzensmeditation erfahren kann, verhält es sich ganz anders. Sie existiert unabhängig von ihrem Umfeld. Sie verströmt sich nach allen Richtungen in ähnlicher Weise, wie dies der Duft einer Blume tut und es spielt ihr keine Rolle, ob sie von der Welt angenommen oder abgewiesen wird. Sie ist einfach da und sie ist herrlich – sie ist phantastisch. Diese Liebe verströmt sich bedingungslos auf alles, was einem vor die Augen läuft, Alt und Jung, schön und weniger schön. Sie lässt einen das Schöne in Allem erkennen, das Besondere im Gewöhnlichen und hat nur einen Wunsch: Sich zu verschenken. Es ist eine Liebe, die nicht sehr viele Menschen kennen, was sehr, sehr, sehr schade ist, denn es gibt wenige Dinge, die es mit ihr aufnehmen können. In der Folge erhält man einen durchaus positiven, glücklichen und wohlwollenden Ausblick auf die Welt. Die Welt wird schön und gut. Alles wird und ist gut. Und das ist tatsächlich eine Frage unseres Blickwinkels, eine Frage der Brille, durch welche wir die Welt sehen. Wir könne uns eine rosarote Brille auswählen (die Herzensbrille) oder eine graue (die Verstandesbrille). Die Welt ist nie und nimmer eine objektive, unveränderliche Welt, sondern vielmehr ist sie so, wie wir sie sehen. Und das kann sehr von unserer Tagesverfassung, von unserer Laune, unserer Weisheit, und von vielen anderen Faktoren abhängen.

Der Verliebte sieht zum Beispiel alles in der Welt und insbesondere in der Angebeteten als süß, schön und erfüllend. Selbst deren Fehler bekommen etwas Reizvolles. Dann, wenn die romantische Liebe langsam verglüht – was sie im Gegensatz zur Herzensliebe immer früher oder später tut – kommt häufig ein (böses) Erwachen…

Das Herz hat aber noch mehr auf Lager. Der Verstand lebt in der Welt des „Habens“, die voller Wünsche ist, die immer an sich raffen will. Leider kann uns diese Einstellung in keiner Weise glücklich machen. Oder sind etwa die reichen Menschen glücklicher, nur weil sie mehr besitzen können? Im Gegenteil: „Eher kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher in den Himmel“, hieß es schon vor 2.000 Jahren. „Schafft euch keine Schätze hier auf Erden, wo sie Motten zerstören können und Diebe stehlen können…, sondern dort, wo sie keine Motten zerstören und keine Diebe stehlen können.“ Und wo ist das? Im Herzen. Im Herz atmet die Welt des „Seins“. Es geht im „Jetzt“ auf, im einfachen, gedankenlosen Sein und findet dort eine unerwartete Freude, die von den äußeren Umständen des Lebens völlig unabhängig ist. Als junger Arzt war ich erschüttert, von wie vielen Ängsten die Menschen geplagt werden! Vieler dieser Ängste beziehen sich auf befürchtete zukünftige Ereignisse. Welche Erleichterung würde man allen angstgeplagten Menschen schenken, wenn man sie von der Zukunft, das heißt, von den unfruchtbaren Gedanken an die Zukunft und an Dinge, die passieren könnten, befreien könnte. Wer über den Verstand hinausgeht und im „Jetzt“ verharrt, leidet nicht unter solchen Ängsten.

Streng genommen gibt es die Zukunft ja gar nicht. Man muss vielmehragen, sie ist ein reiner Mythos. Und die Vergangenheit ist wie Schnee vom letzten Jahr. Heute können wir uns davon keinen Schneemann mehr bauen. Das einzige, was jetzt und in alle Zukunft hin wirklich sein wird, ist das „Jetzt“, denn auch alle zukünftigen Ereignisse werden im „Jetzt“ stattfinden und keine Sekunde früher oder später. Im Jetzt verbleiben, bedeutet zu meditieren. So einfach ist das. Allerdings lässt sich das „Verstandesprogramm“ nicht so leicht durch das befriedigendere „Herzensprogramm“ ersetzen; es verteidigt seine Dominanz. Versteht ihr nun, warum Jesus sprach „Wahrlich, ich sage euch, wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Reich der Himmel eingehen?“ Kinder leben im Herzen, sie leben im Jetzt, sie sind daher spontan und voller Enthusiasmus. Stellt euch einmal vor, ein Erwachsener müsste wie ein Kind gehen lernen: Nach dem 5. oder 10. Sturz würde er sagen, das kann ich nicht, ich bin nicht dazu geeignet. Ist man wie ein kleines Kind im Herzen, dann gibt man nicht so schnell auf, man lebt in einer Welt, die sehr schön ist. Antoine de Saint-Exupéry hat das in seinem „kleinen Prinzen“ sehr treffend ausgedrückt: „Das Wesentlich sehen wir nur mit den Augen unseres Herzen.“ Mit den Augen der Liebe, mit reinen Augen, die das Gute sehen, die Glauben haben. Im Jetzt zu leben bedeutet, ohne Sorgen zu sein. Wer sich um all die Dinge in der Zukunft Sorgen macht, kauft sich schon einen Sarg, lange bevor er stirbt. Ist das nicht verrückt? Leider sind die meisten Menschen verrückt und Schuld daran ist der Umstand, dass sie nach einem falschen Programm funktionieren.

Wenn ein Mensch, dessen Zentrum der Lebensführung im Verstand angesiedelt ist, in einen Garten mit Obstbäumen kommt, überlegt er sich, wie viele Früchte da sind, für wieviel er sie verkaufen könnte, wie er sie vor Diebstahl schützen könnte usw. Ein Herzensmensch klettert einfach auf einen Baum uns genießt eine Frucht oder verteilt sie unter seinen Freunden. Wenn ein Verstandesmensch das dritte Mal den Sonnenaufgang am Meer beobachtet, sagt er, ich kenne das schon, es ist ja die gleiche Sonne. Für ihn wird alles Routine, langweilig; er weiß, wo seine Grenzen liegen, alles ist abgesteckt. Er lebt in einer frustrierten, grauen Welt. Ein Kind bzw. ein Herzensmensch hingegen erlebt oder entdeckt jeden Tag etwas Neues, wenn es in den gleichen Garten kommt. Jeder Sonnenaufgang ist auf neue Weise aufregend und beglückend. So funktioniert unser Herz. Ihm wird nie langweilig, nicht einmal, wenn es sich in einer langen Schlange anstellen muss oder wenn es im Stau steckt. Das Herz ist nämlich aufgeschlossen für neue Entdeckungen, ja mehr noch: Es vermag sogar die kleinen Dinge des Alltags zu lieben und zu schätzen, im Bekannten etwas Besonderes, im Gewöhnlichen etwas Außergewöhnliches zu sehen. Wer im Herzen zu leben lernt, wird zunehmend erkennen, was für ein unglaublicher Segen es ist, einfach zu leben, einfach zu sein. Und sein Leben, da spreche ich aus eigener Erfahrung, wird mehr und mehr von Dankbarkeit erfüllt werden. Nichts verfügt über größere Kraft, unser Wesen positiv zu verändern, als unser eigenes Herz, dem leider in unserer materialistischen Konsumgesellschaft nicht der prominente Platz eingeräumt wird, der ihm auf jeden Fall zukommen müsste.

Nebenbei soll nicht unerwähnt bleiben, dass das Herz die Quelle unserer Spontanität und unserer Kreativität ist. Ein Kind reagiert völlig spontan und ein Kind ist viel kreativer als ein Erwachsener. Gib dem Kind eine Puppe und es lässt schon eine ganze Welt um diese Puppe herum entstehen… Da kann kein Erwachsener mithalten.

Das Herz schenkt uns eine weitere Eigenschaft, über die der Verstand nicht verfügt: Aufrichtigkeit. Wenn ein Kind nach einem Bonbon schreit, ist es absolut aufrichtig. Man kann es nicht mit etwas anderem bestechen. Und Aufrichtigkeit ist ein unabdingbarer Bestandteil des spirituellen Lebens. Wenn man sich nur mehr oder weniger mechanisch zum Meditieren oder Beten hinsetzt, ist das vergebene Liebesmühe. Für einen Beamten reicht es, wenn er physisch im Magistrat während der Dienstzeit anwesend ist, er erhält sein Salär auch, wenn er dort Zeitung liest. Aber bei der Meditation zählt nur die Aufrichtigkeit, die Ernsthaftigkeit. Man kann stundenlang dasitzen und sich einbilden, zu Meditieren, hängt man in Wahrheit nur Gedanken nach, ist eine solche Meditation wenig wert. Dagegen kann man, wenn man ein Mantra ein paar Mal mit großer Inbrunst wiederholt, beachtlichen inneren Fortschritt machen.

Meditation ist etwas, was durch Gnade passiert, es ist nicht etwas, das wir aktiv machen. Wir öffnen uns vielmehr und dann fließt etwas durch uns, und zwar Friede, Freude, Entspannung und so weiter. Und dieses „Etwas“ kommt in umso größerem Masse, je größer unsere Aufrichtigkeit, unser innerer Schrei ist. Es verhält sich ähnlich wie bei der Mutter, die in der Küche kocht und das Kind weinen hört: Spielt das Kind mit den Puppen und lässt nur eine Puppe weinen, hört die Mutter das heraus; das Weinen ist nicht aufrichtig genug, könnte man sagen. Aber wenn das Kind wirklich weint, also aufrichtig weint, dann stellt die Mutter sofort den Topf vom Herd und eilt zum Kind. In ähnlicher Weise kommt die Gnade in dem Ausmaß, in dem wir innerlich aufrichtig meditieren bzw. streben.

Das führt uns zu einem weiteren, ja vielleicht den wichtigsten Punkt, und das ist die innere Strebsamkeit. Ursprünglich konnte ich mit diesem Terminus nichts anfangen und ich war mir auch gar nicht darüber bewusst, dass ich über eine solche verfüge. Strebsamkeit ist das innere Feuer im spirituellen Leben, der innere Schrei, die innere Sehnsucht, über das gewöhnliche Nullachtfünfzehn-Leben hinaus zu wachsen, die alten Grenzen zu sprengen, mehr über sich, über die Welt und über Gott zu erfahren. Die Sehnsucht nach Selbsterkenntnis, nach einer Führung durch eine göttliche Kraft und Gegenwart. Die Strebsamkeit ist das Öl, das unser inneres Feuer, und damit unsere innere Disziplin am Brennen hält. Sie entscheidet nicht nur über die Intensität, die wir von unserem spirituellen Leben erhalten, sondern auch über die Geschwindigkeit, mit der wir unserem Ziel der Erleuchtung entgegeneilen. Die Strebsamkeit ist der innere Drang in uns, der uns über alle Maßen glücklich machen und erfüllen kann, der unserem Leben erst seinen wirklichen Sinn schenken kann. Es ist vielleicht der größte Schatz, den ein Mensch erhalten kann. Und man erhält diesen Schatz nur durch göttliche Gnade, man kann ihn nicht erzwingen. Am leichtesten durch die Intervention eines authentischen spirituellen Meisters, egal ob dieser nun im Physischen oder nur in der inneren Welt gegenwärtig ist. Aber eines muss man in diesem Zusammenhang auch klar sagen, keine Gnade kann wirksam werden, wo keine persönliches Bemühen vorhanden ist.

Nun, wo ist die Quelle der Strebsamkeit: Sie liegt in unserem Herzen. Eigentlich in unserer Seele, aber da für die meisten Menschen der Zugang zur Seele noch blockiert ist, erhalten wir sie am einfachsten über das Herz, das wie kein anderer Wesensteil in uns eng mit der Seele verbunden ist.

Wer innere Strebsamkeit erfährt, hat jedenfalls das größte Geschenk erhalten, das einem Menschen auf unserem so besonderen Planeten zuteil werden kann. Sie schenkt uns den Sinn im Leben, sie ermöglicht uns den inneren Fortschritt in unseren spirituellen Bemühungen und sie ist damit der Garant für unser Glücklichsein. Ein Glücklichsein, das von den äußeren Umständen unseres Lebens völlig unabhängig bleibt.

Damit sind wir noch immer nicht am Ende der zahlreichen guten Eigenschaften, die uns das vernachlässigte Herz schenkt: Kinder sind im Herzen und Kinder sind daher rein, unschuldig. Auf jedem spirituellen Weg dieser Erde heißt es, dass Reinheit auf allen Ebenen ein mächtiges Hilfsmittel zur Erleuchtung, Erlösung, Befreiung oder Gottverwirklichung ist. Während der Verstand und häufig auch das emotionelle Wesen gerne Unreinheiten beherbergen, ist das Herz aufgrund seiner Nähe zur Seele von Haus aus sehr rein. Nur Kraft unserer Reinheit können wir den Frieden, die Freude und alles anderen spirituellen Errungenschaften, die wir in der Meditation erhalten, bewahren. Reinheit verhilft uns auch zu wesentlich tieferen Erfahrungen. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich einmal mit einer Arztkollegin zusammen in einem Zentrum Impfungen durchgeführt habe. Im Warteraum waren zahlreiche Fotographien von Kindern aufgehängt. Meine Kollegin, die damals um die 60 Jahre alt war, meinte dann während wir gemeinsam die Fotographien musterten: „Das ist schon unglaublich, diese Kindern sind allesamt so lieb, so süß und so schön. Wie gibt es das, dass sie alle einmal so stumpfe, ernste, verspannte, unglückliche und manchmal unschöne Erwachsene werden?“ Ich fürchte, es hängt damit zusammen, dass sie ihr Lebenszentrum immer mehr vom Herzen in den Verstand verlagern. An dieser Stelle möchte ich aber alle erwachsenen Leser trösten: Das Kind in euch hat nie aufgehört zu existieren, all seine gute Eigenschaften sind nach wie vor im Herzen verborgen. Es ist nur ein wenig von den Schleiern, den Filtern des Verstandes verhüllt worden. Es liegt an euch, diesen Schatz wieder an die Oberfläche zu bringen. Manchmal können wir beobachten, dass das Herz kurz die Oberhand erhält, etwa wenn der Opa in den Kinderwagen schaut und versucht, mit kindlichen Lauten die Aufmerksamkeit der Nachkommen auf sich zu ziehen und diesen ein wenig Freude zu bereiten. Da wird er selbst ein wenig zum Kind und sofort sehen wir ein Lächeln, ein Strahlen in seinem Gesicht.

Apropos Lächeln: Wisst ihr, dass Kinder am Tag etwa 400 Mal lächeln; Erwachsene kommen im Schnitt auf 20 bis 40 Mal. Wäre das nicht schon genug Grund, das Herz ein wenig mehr zu fördern?!

Während im Verstand alles begrenzt ist, ist im Herzen alles grenzenlos – dies ist eine Erfahrung, die einem in der tiefen Meditation bestätigt wird. Kein Wunder, dass Menschen mit viel Druck häufig an Verspannungen und in der Folge Kopfschmerzen leiden. Im Verstand lasten all diese Dinge auf uns, da dort nicht ausreichend Platz ist. Im Herzen hingegen ist alles weit wie der Ozean. Die Probleme lösen sich nicht immer automatisch auf, obwohl so etwas durchaus vorkommt, aber sie wirken wesentlich weniger belastend, da sie in der Weite des unendlichen „Herzensozeans“ sehr, sehr klein werden. Sind wir im Herzen, fühlen wir eine unsichtbare Hand, die uns führt, die uns beschützt, vielleicht sogar einmal kurz schlägt, damit wir aufhören, Unfug zu treiben. Wir lernen, mehr und mehr dieser inneren Führung, die letztlich von unserer Seele kommt, zu vertrauen, denn rückblickend ist immer alles, was durch diese innere Führung kommt, ein Segen. In diesem Lichte betrachtet lernen wir auch zunehmend zu fühlen, dass letztlich alles gut ist, was uns widerfährt, egal ob es sich hierbei auf der äußeren Ebene um Erfolg oder Misserfolg handelt. Ich hatte einmal in meinem Leben ein großes Unglück: Ich erlitt einen schrecklichen Fahrradunfall und wurde schwer verletzt. Aber im Nachhinein war der Unfall ein Segen, denn er zwang mich dazu, mich dem Yoga zuzuwenden, um wieder meine alte Fitness zurückzugewinnen und so öffnete sich mir das herrliche Tor zum spirituellen Leben… Wer durch die Meditation auf das Herz entdeckt, dass es eine göttliche Führung, ja manchmal sogar eine gut fühlbare göttliche Präsenz gibt, der wird ganz automatisch tief dankbar. Und Dankbarkeit ist übrigens das größte Zaubermittel, um uns glücklich zu machen.

Das Ziel eines jeden Weges ist das „Einssein“. Wir wollen alle einmal so wie der große Meister des Abendlandes sagen können: „Ich und der Vater sind eins“. Dieses Ziel wird am einfachsten über das spirituelle Herz erreicht, da dieses Chakra über die macht der Identifizierung verfügt. Die Mütter, die mir ihre Kinder als Patienten bringen, betrachten ihre Kinder mit den Einsseinsaugen ihres Herzen und nicht mit ihrem Verstand. So antworten in mindestens einem Drittel der Fälle die Mütter auf die Frage, welche Kinderkrankheiten die Sprösslinge schon durchgemacht hatten, mit „Wir haben … gehabt…“ Mit dem Herzen identifiziert man sich und nimmt die Welt als einen Teil von sich selbst an. Stellt euch vor, die Politiker dieser Welt würden die Welt mit den Augen des Herzen regieren. Sie würden sich mit der Welt identifizieren und alles als Teil von sich erfahren. Liebe würde fortan die Welt regieren, denn wir würden uns dessen bewusst werden, dass alle Menschen letztlich Mitglieder einer großen Menschheitsfamilie sind, alle sind Brüder und Schwestern; alle sind Kinder Gottes, weder Muslime noch Christen, weder Juden noch sonst wer ist adoptiert. Wir alle sind Gottes Kinder. Und wenn wir uns alle dieses Umstands einmal so richtig bewusst werden, wird diese Welt ein kleines Paradies werden. Der Schlüssel dazu liegt im Herzen…

Es heißt heute vielerorts, dass wir uns an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter befinden. Schon in den Jahrtausende alten Schriften der Inder wurde prophezeit, dass in der heutigen Zeit das sogenannte Kali-Yuga zu Ende gehen wird. Das Kali-Zeitalter war durch Unwissenheit und Dunkelheit, durch Kriege usw. gekennzeichnet. Es wurde vom Verstand des Menschen dominiert. Das neue Zeitalter, das manche Kulturen das goldene, andere das Wassermannzeitalter nennen, soll von Herzensmenschen geprägt werden. Es wird Friede und Harmonie herrschen, aber Gott alleine weiß, wie viele Jahre vergehen müssen, bis sich dieses neue Prinzip hier auf der Erde manifestieren und in der Breite etablieren kann. Aber ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass die Evolution der Menschheit dorthin führen wird, den die Entwicklung geht langsam, aber sicher nach oben. Bleibt nur zu hoffen, dass wir dort ankommen, bevor wir uns mit unserer hochgerüsteten Welt und dem immer noch dominierenden Machtstreben im Menschen nicht davor selbst zerstört haben. Wie sagte der Meister Sri Chinmoy so treffend: Die Liebe zur Macht muss durch die Macht der Liebe ersetzt werden. Ja, an dieser Aussage gibt es keinen Zweifel. Und auch am Weg dorthin gibt es keinen Zweifel: Er kann nur über unser Herz führen. Im Gegensatz dazu kritisiert der Verstand die Welt und hält sich selbst für besser, wenn nicht sogar für recht vollkommen. Wenn alle so wären wie ich, dann wäre die Welt viel besser – nicht wahr? Naja, wir haben das trennende und das vereinigende Element in uns und es liegt an uns, zu entscheiden, welchem wir Vorrang geben möchten.

Die Freude des Kindes wird zur Freude der Mutter – das ist die Macht der Identifizierung. Und das Identifizieren mit dem Göttlichen wird schließlich das Göttliche in uns zur Wirklichkeit werden lassen. Das ist der Weg des Herzens, er ist einfach und im Gegensatz zu gewissen anderen Yogawegen, wie etwa dem Pfad des Kundalini-Yogas, völlig ungefährlich. Daher wird der Weg des Herzens auch „der sonnenerleuchtete Weg“ genannt. Aus all den oben genannten Gründen empfehle ich, den Weg des Herzens und der Meditation im Herzen zu folgen. Aber es wäre gleichzeitig absurd zu behaupten, dass dies der einzige Weg ist, der an das Ziel führen würde.

Leider kann man nicht einfach auf Knopfdruck zum Herzensmenschen werden. Es ist ein langsamer Prozess, der eigentlich mehr oder weniger durch die Gnade in der Meditation vorangetrieben wird und uns schrittweise in ein erfüllteres, glücklicheres Leben führt. Eine gewisse spirituelle Disziplin ist dafür aber unverzichtbar, denn bis die alten Verhaltensmuster gelöscht werden und das neue Herzens-Programm installiert und warm gelaufen ist, muss man ein bisschen innere Arbeit leisten. Am besten gelingt dies, wenn man sich mit anderen Gleichgesinnten zusammenschließt; insbesondere, wenn es dort schon Individuen gibt, die auf diesem Weg schon weiter fortgeschritten sind. Und – das soll nicht unerwähnt bleiben – am einfachsten und schnellsten durchläuft man diese Umwandlung, wenn man dabei innerlich von einem Meister angeleitet wird.

Apropos Meister: Mein spiritueller Lehrer meinte einmal zu seinen Jüngern, dass wir nicht einmal zu meditieren bräuchten, wenn es uns gelänge, im Bewusstsein eines sieben Jahre alten Kindes zu verbleiben (also im Herzen). Dann würde sich der Meister selbst um alles andere kümmern...

Frage eines Kindes: „Was ist der Himmel?“

Sri Chinmoy: „Der Himmel ist ein Ort, wo du Freude und Liebe in grenzenlosem Maße bekommst. Der Himmel ist in deiner Seele. Wo ist deine Seele? Deine Seele ist in deinem Herz. Wo ist dein Herz? Dein Herz ist in deinem Körper.

Arthada, 21. Dezember 2015