Anleitung zum Druck ablassen und Freude zu erlangen

Anleitung zum Druck ablassen und Freude erlangen

Für gewöhnlich ist der Mensch voller Wünsche. Hat er sich einen Wunsch erfüllt, tauchen gleich zwei andere auf. Es ist tatsächlich so: Wer ständig seinen Wünschen nachläuft, ist wie ein Hamster, der in einem Laufrad läuft. Er kommt nie an seinem Ziel an. Aber Wünsche waren eine große Triebfeder der Evolution, die den Menschen antrieb, aktiv zu sein und etwas zu erreichen. Eine für den äußeren Fortschritt unabdingbare Voraussetzung. Es handelt sich dabei also um etwas durchaus Wichtiges und Zweckmäßiges.

Aber die Evolution hört nie auf, sie geht immer weiter. Und wenn der Mensch wirklich erfüllt sein will, von innen her bleibendes Glück erfahren will, dann führt kein Weg daran vorbei, sich über das wunschgeleitete Leben zu erheben und in eine weitere, höhere Entwicklungsstufe des Menschseins einzutreten. Also in die spirituelle Dimension vorzudringen. Diesen Schritt kann man aber nicht erzwingen. Die Seele muss bereit dazu sein, dann wird man automatisch von einer inneren Sehnsucht und einem inneren Streben in diese Richtung gedrängt, wenn auch diese Geschichte zu Beginn meist unbewusst abläuft.

Die Probleme, die uns unsere Wünsche bescheren, sind mannigfaltig: Einmal setzen sie uns unter Druck. Wir müssen einiges tun, um uns den Wunsch zu erfüllen. Das Ziel liegt in der Zukunft und wir leben dann auch für die Zukunft. Aber für die Zukunft zu leben bedeutet, am Leben vorbei zu leben, denn die Zukunft gibt es in Wirklichkeit ja gar nicht. Sie ist nur ein Mythos, der sich aber äußerst hartnäckig in unserer Vorstellung festgesetzt hat. Alles was wir je in unserem Leben erfahren haben und erfahren werden, erfahren wir ausnahmslos im „Hier und Jetzt“. Wäre es da nicht viel wichtiger, dem Jetzt, der Gegenwart, mehr Aufmerksamkeit zu schenken?! Im Jetzt verbleiben heißt nichts anderes als zu meditieren. Wer meditiert, denkt nicht, denn die Gedanken bringen ihn wieder weg vom Hier und Jetzt. Er verbleibt also in der Stille des Jetzt; das heißt, er bleibt wunschlos! Und dann passiert etwas Interessantes: Glücksgefühle bemächtigen sich seiner. Sie kommen von „oben“ bzw. von „tief drinnen“. Es ist die Seele, die ständig Glück verströmt, aber wir können es üblicherweise nicht wahrnehmen, weil unser Verstand normalerweise viel zu unruhig ist und uns daher von dieser Erfahrung ablenkt. Das Schöne am Glück, das von unserer Seele, von unserem Inneren kommt: Es bewirkt nie einen schlechten Nachgeschmack, es kommt ohne Abhängigkeit von äußeren Umständen. Ja, es ist eigentlich unsere ureigenste Natur. Es würde eigentlich zu uns gehören wie der Duft zu einer Blume. Unser fehlendes Gewahrsein hat uns zu einer duftlosen Plastikblume verkommen lassen. Unsere urgeigenste Natur wieder zu entdecken, ist der eigentliche Sinn des Lebens.

Zurück zu den Wünschen: Niemand wird abstreiten, dass uns die Erfüllung der Wünsche ein kurzfristiges Gefühl der Befriedigung verschafft. Aber dieses Gefühl hat keinen Bestand. Hätte es Bestand, müssten Millionäre die glücklichsten Leute der Welt sein, aber in der Regel ist genau das Gegenteil der Fall. Habe ich einen Wunsch erfüllt, treten drei neue Wünsche an seine Stelle. Habe ich etwas Spezielles erreicht, werde ich innerlich von der Eifersucht Anderer angegriffen. Oder auch von meiner eigenen Unsicherheit: Wer wird mich bald übertreffen? Den Wünschen ständig nachzulaufen heißt, keinen inneren Frieden zu erlangen. Und ein Leben ohne inneren Frieden ist ein erbärmliches, ein ausgesprochen unglückliches Leben. Der Frieden ist nämlich gewissermaßen das innere Fundament, auf dem der Tempel der Liebe, des Glückes und vieler anderer erstrebenswerter Eigenschaften erst aufgebaut werden kann.

Wenn uns das Wunsch-gebundene Leben unseres Friedens, unserer Freude usw. beraubt – was können wir dagegen tun? Wir können einmal das Gegenmittel zum Verlangen ausprobieren: Lasst uns einmal für einen einzigen Tag uns selbst verschenken: Einen Tag lang versuchen wir nur zu geben und zu geben, andere glücklich zu machen. Aber keinesfalls aus moralischen Überlegungen heraus, etwa, weil dies in den heiligen Schriften gefordert wird. Nein, wir wollen dies einfach und ausschließlich deshalb einmal versuchen, um uns damit selbst glücklich zu machen. Probiere es – es funktioniert!

Seine eigenen Wünsche zurückzustecken und (innerlich) zu geben bedeutet übrigens auch, einmal nicht darauf zu bestehen, dass jeder nach unserer Pfeife zu tanzen hat. Wir können so wirklich viel inneren Druck loswerden, wenn wir nur einmal erkannt haben, dass man oft klüger einfach nachgibt. Ja, an der Volksweisheit „der Klügere gibt nach“ ist einiges dran! Andere Menschen möchten oft gewisse Dinge anders lösen, und meist glaubt jeder, er kenne den besseren Weg. Ich musste aufgrund vieler schmerzhafter Erfahrungen entdecken: Oft ist der beste Weg, einfach nicht sein Ego durchzusetzen. Möglicherweise und vielleicht nicht einmal so selten hätte der eigenen Lösungsansatz schneller zum Ziel geführt, aber dadurch, dass wir nachgegeben haben, konnten wir in Harmonie ein Projekt durchziehen. Das macht uns und unsere Mitmenschen letztlich viel glücklicher als der Umstand, dass wir uns durchgesetzt, aber uns dafür einen Feind mehr in der Welt geschaffen haben.

Das Geheinmnis könnte man auch so formulieren: Es macht viel glücklicher, sich selbst zu verändern als die Welt zu erobern bzw. danach zu trachten, die Welt zu verändern. Die Methode dazu: Das Zentrum unserer Lebens muss vom Kopf ins Herz hinuntergebracht werden!

Wer von Wünschen getrieben wird, lebt in ständiger Erwartung. Er möchte seine Wünsche erfüllen und zwar möglichst schnell. In der heiligsten Schrift der Inder, der Bhagavad Gita, steht: „Du hast das Recht zu handeln, aber du hast kein Recht auf die Früchte deiner Handlung.“ Weiters lautet dort einer der Kernsätze: „Sei ein Instrument“ (Gottes oder der Seele). Beides ist für ein Ego-getriebenes Wesen (und noch müssen wir uns leider alle dazu zählen) ausgesprochen schwierig. Aber es gibt keinen anderen Weg aus dem Leid der Welt in eine Welt hin, in der man kontinuierlich glücklich ist, und zwar völlig unabhängig von den wechselnden Umständen des Lebens… Dieser anfangs etwas schmerzhafte Prozess ist wie wenn man einen eingetretenen Dorn mit einer Nadel entfernt. Der Vorgang schmerzt, aber er befreit uns letztlich von unserem Problem, von unserem Leid.

Ein Instrument ist nicht verantwortlich für die Taten. Man kann den Hammer nicht dafür verantwortlich machen, wenn er den Nagel schief einschlägt. Das heißt, alles Leid, alles Negative trifft nicht mehr das Instrument, also uns, wenn es uns gelingt, im Willen einer Höheren Kraft zu agieren (daher gilt auch die Aussage "Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden" als eine der Kernaussagen der Bibel, als höchstes Gebet). Was uns dann bleibt, ist die Glückseligkeit der Seele, die sich nun ihren Weg in unser äußeres Bewusstsein bahnen kann. Denn dieses Bewusstsein wird dann frei werden, ungebunden und daher wird die Glückseligkeit Platz finden, sich in uns zu manifestieren. Der Platz, wo sich jetzt das Glück einnistet, wurde zuvor von unserer unendlichen Wunschkette und den dazugehörigen, unendlich vielen Gedanken beansprucht.

Wem es auch nur annähernd gelingt, in diesem Geiste zu leben, wem es gelingt, das Resultat des Handelns oder sogar generell die Erfahrungen des Lebens als „Gott-gegeben“ anzunehmen, der wird sofort all seinen Druck loslassen können und inneren Frieden spüren. Das ist dann, wie wenn man einen Dampfkessel öffnet und den Dampf herauszischen lässt. Dann kehrt im Inneren Frieden ein. Natürlich erlangt man diese Fähigkeit nicht von heute auf morgen; das ist ein Bewusstsein, in das man in der Regel Schritt für Schritt hineinwachsen muss. Man braucht hierfür primär auch Glauben. Aber sehr schnell kommt die Erfahrung, die uns zeigen wird, dass der Glaube, den Menschen seit Menschengedenken hatten, auf die unzähligen Erfahrungen von Mystikern und Weisen beruht und keinesfalls immer etwas Theoretisches bleibt, sondern etwas überaus Praktisches wird. Mit praktischen, überaus positiven Resultaten.

Es beginnt also mit Glauben. Ich muss also den spirituellen Meistern so glauben, wie ein Schulkind dem Mathematiklehrer glaubt, dass die Gleichungen, die er an die Tafel schreibt, stimmen. Aber wenn man Glauben hat, wird man, um auf die Bibel zurück zu kommen, auch annehmen können, dass wenn schon eine gewöhnliche Mutter ihren Kindern keine Steine zu essen gibt, auch der Göttliche Lenker uns auf eine Weise führen wird, die letztlich nur zu unserem Guten dient, auch wenn wir sie nicht durchschauen können. Immerhin ist Seine Liebe und Macht unvergleichlich größer als jene einer gewöhnlichen Mutter.

Ich möchte hier eine traditionelle Geschichte zitieren:
Ein weiser Mann hatte den Rand seines Dorfes erreicht und lies sich unter einem Baum nieder, um dort die Nacht zu verbringen, als ein Dorfbewohner angerannt kam und sagte: „Der Stein! Gib mir den Stein! Gib mir den kostbaren Stein!“
„Welchen Stein?“ fragte der weise Mann.
„Letzte Nacht erschien mir ein Engel im Traum“ erzählte der Dörfler, „er sagte mir, ich würde bei Einbruch der Dunkelheit am Dorfrand einen weisen Mann finden, der mir einen kostbaren Stein geben würde, so dass ich für immer reich wäre.“
Der Weise durchwühlte seinen Sack und zog einen Stein heraus. „Wahrscheinlich meinte er diesen hier“, sagte er als er dem Dörfler den Stein überreichte. „Ich fand ihn vor einigen Tagen auf einem Waldweg. Du kannst ihn natürlich haben.“
Staunend betrachtete der Mann den Stein. Es war ein Diamant. Ein riesengroßer Edelstein in der Größe eines Kopfes. Er war von unermesslichem Wert. Der Dorfbewohner nahm den Diamanten und ging weg. Die ganze Nacht wälzte er sich im Bett und konnte nicht schlafen. Am nächsten Tag noch vor Tagesanbruch eilte er zum Weisen, weckte ihn auf und flehte ihn an: „Gib mir bitte von dem Reichtum, der es dir ermöglicht, diesen Diamanten so leichten Herzens wegzugeben.“

Ja, wirklich reich ist nicht derjenige, der viel besitzt, sondern derjenige, der wenig braucht! Also derjenige, der nicht mehr von seinen Wünschen getrieben wird.

Dazu gehört auch der Wunsch, etwas zu einer vorgegebenen Zeit zu erreichen. Die Menschen werden heute mehr denn je innerlich getrieben, weil sie sich in der scheinbar immer schneller drehenden Zeit selbst ständig „Deadlines“ vorgeben – aber auch die Zeit, die man für seine Projekte braucht, muss man einem Höheren Willen überlassen – sonst gibt es keinen inneren Frieden. Man muss lernen, "im Fluss zu bleiben". "Panta rei" - alles fließt - hieß es schon bei den alten Griechen. Der Mensch kann nur glücklich sein, wenn er es aufgibt, gegen den Strom zu schwimmen und so seine Kräfte bis zum Burnout hin verpuffen zu lassen. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Zahl der Burnouts vervielfacht. Mit etwas Weisheit wäre diese Entwicklung leicht zu verhindern. Aber leider kann man Weisheit niemandem aufzwingen.

Eine weitere Methode, um „Dampf abzulassen“ und mehr Freude im Leben zu erfahren, liegt in folgender Änderung unserer inneren Einstellung. Wir sollten uns bewusst werden: Die Schöpferkraft arbeitet nicht nur in und durch uns, sie arbeitet auch durch die anderen Menschen; ja, sogar durch unsere sogenannten Feinde. Aber wir sollten uns klar darüber werden, dass unsere wahren Feinde nicht etwa irgendwelche Menschen, vielleicht die Schwiegermutter, sind. Unsere wahren Feinde verbergen sich in uns und wir werden ihrer erst so richtig bewusst, wenn wir lernen, uns in der Meditation tiefer in uns selbst zu versenken: Unsere Feinde sind unsere eigenen Ängste, Sorgen, Zweifel usw. Diese Feinde heißt es bewusst zu erkennen und dann aufzulösen. Bisher haben wir uns hauptsächlich über andere Menschen geärgert und versucht, diese auf einen besseren Kurs zu bringen; in der Regel mit ausgesprochen bescheidenem Erfolg. Wenn wir aber wirklich glücklich werden wollen, müssen wir aufhören zu versuchen, die Welt zu verbessern. Wir müssen anfangen, uns selbst zu verbessern. Nichts schenkt uns mehr Glück! Aber hierfür ist wohl eine spirituelle Lebensart unvermeidbar…

Wer sich vom Wunsch-gebunden Leben in Richtung eines Lebens, das über den Wünschen steht, entwickelt, ist wie ein Vogel, der zuvor in einem Käfig gefangen gehalten worden war und schließlich durch das offene Türchen in den unendlichen blauen Himmel, in die Freiheit fliegt. Das Ziel ist die Erleuchtung, Selbstverwirklichung, Erlösung, das Nirvana oder die Befreiung – welches Wort auch immer die Menschen der verschiedenen Kulturkreise dafür verwenden mögen.

Arthada, 13.12.2016